Wer sich mit der Geschichte der europäischen Jugendarbeit beschäftigt, stößt früher oder später auf ein Netzwerk, das im Hintergrund jahrelang unverzichtbare Arbeit geleistet hat: SALTO EECA, das Ressourcezentrum für den Bereich Osteuropa und Kaukasus. Der Name klingt zunächst technisch, hinter ihm verbirgt sich jedoch eine der wirkungsvollsten Infrastrukturen, die das Programm „Jugend in Aktion" je hervorgebracht hat. Dieser Artikel erklärt, was SALTO EECA war, welche konkreten Aufgaben es übernahm und welches Erbe es hinterlassen hat.
Was bedeutet SALTO – und was steckt hinter EECA?
SALTO steht für „Support, Advanced Learning and Training Opportunities". Das Akronym beschreibt treffend, worum es geht: Unterstützung, Weiterbildung und Lernchancen für Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter, Projektträger und Nationale Agenturen im Rahmen der EU-Jugendprogramme. Die SALTO-Ressourcezentren wurden Ende der 1990er Jahre ins Leben gerufen, um die Nationalen Agenturen zu entlasten und thematische sowie regionale Expertise zu bündeln.
EECA steht für „Eastern Europe and Caucasus" – also für den geographischen Fokus des Zentrums. Konkret umfasste dieser Raum sechs Partnerländer: Belarus, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Moldau und die Ukraine. Diese Länder waren zwar nicht Vollmitglieder der Europäischen Union, konnten aber über Partnerschaftsprogramme an „Jugend in Aktion" und später an Erasmus+ teilnehmen. SALTO EECA war die zentrale Anlaufstelle, die diesen komplexen Austausch koordinierte und mit Leben füllte.
Das Ressourcezentrum war bei der Nationalen Agentur in Deutschland – dem JUGEND für Europa – angesiedelt und arbeitete eng mit dem französischen INJEP zusammen. Diese Doppelträgerschaft spiegelte die besondere Bedeutung wider, die die beiden größten EU-Mitgliedsstaaten dem Ost-West-Jugendaustausch beimaßen. Mehr zum historischen Rahmen dieser Programme findet sich in unserem Beitrag Von Jugend in Aktion zu Erasmus+: Geschichte der EU-Jugendprogramme.
Kernaufgaben des Ressourcezentrums im Überblick
SALTO EECA hatte keine einzelne, klar umrissene Aufgabe – es war vielmehr ein Mehrspartenbetrieb, der unterschiedlichste Funktionen in sich vereinte. Im Zentrum stand die Förderung von Qualität und Quantität der Kooperationsprojekte zwischen EU-Ländern und den EECA-Partnerländern. Dafür griff das Zentrum auf mehrere Instrumente zurück:
- Trainings und Seminare: SALTO EECA organisierte regelmäßige Fortbildungen für Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter aus den Partnerländern sowie aus EU-Mitgliedsstaaten. Diese Veranstaltungen dienten sowohl dem Kapazitätsaufbau als auch dem Aufbau echter Arbeitsbeziehungen über Ländergrenzen hinweg.
- Partnersuche und Projektentwicklung: Das Zentrum pflegte eine aktive Datenbank und stellte Kontaktnetzwerke bereit, über die Organisationen geeignete Partner in den EECA-Ländern finden konnten – und umgekehrt.
- Publikationen und Handbücher: Eine Vielzahl praxisorientierter Materialien wurde entwickelt und kostenfrei zur Verfügung gestellt: von Länderprofilen über methodische Leitfäden bis hin zu Projektberichten.
- Beratung der Nationalen Agenturen: SALTO EECA fungierte als fachliche Ressource für die Nationalen Agenturen aller EU-Mitgliedsstaaten, wenn diese Fragen zur Zusammenarbeit mit EECA-Ländern hatten.
- Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerkpflege: Das Zentrum repräsentierte den EECA-Raum auf europäischen Konferenzen und sorgte dafür, dass die Perspektive der Partnerländer im europäischen Jugendpolitikdiskurs sichtbar blieb.
- Monitoring und Qualitätssicherung: Projektdaten wurden ausgewertet, Trends identifiziert und Handlungsempfehlungen für die Programmgestaltung formuliert.
Diese Bandbreite machte SALTO EECA zu weit mehr als einem bloßen Informationsverteiler. Es war ein aktiver Gestalter des Ost-West-Jugendaustauschs, der strategische Impulse setzte und gleichzeitig den Alltag der Projektarbeit unterstützte.
Trainings als Herzstück der Arbeit
Besonders prägend waren die internationalen Trainings, die SALTO EECA in Kooperation mit verschiedenen Partnern durchführte. Diese Seminare fanden häufig wechselweise in EU-Ländern und in den EECA-Partnerländern statt – ein bewusstes Signal, dass Partnerschaft keine Einbahnstraße ist. Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter aus Tiflis, Eriwan oder Kischinjow reisten ebenso nach Berlin oder Paris, wie ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen in die Hauptstädte des Südkaukasus oder nach Minsk fuhren.
Inhaltlich konzentrierten sich viele Trainings auf grundlegende Kompetenzen der non-formalen Bildung: Projektmanagement, interkulturelle Kommunikation, Methoden der Jugendarbeit und die spezifischen Anforderungen der EU-Antragstellung. Gerade letzteres war für Organisationen in den Partnerländern oft eine hohe Hürde – bürokratische Anforderungen, Sprachbarrieren und fehlende Erfahrung mit europäischen Förderstrukturen machten den Einstieg schwer. Die Trainings von SALTO EECA bauten diese Hürden systematisch ab.
„Für viele Organisationen in den EECA-Ländern war SALTO der erste echte Kontaktpunkt mit der europäischen Jugendarbeit. Ohne diese Unterstützung wären zahlreiche Partnerschaften nie zustande gekommen." — Aussage einer langjährigen Teilnehmerin eines SALTO-EECA-Trainings, dokumentiert in einem Abschlussbericht des Programms
Ein zentrales Format war das sogenannte „Training Course", ein mehrtägiges internationales Seminar mit gemischten Gruppen aus EU- und EECA-Ländern. Diese Kurse hatten in der Regel 20 bis 35 Teilnehmende, die über mehrere Tage nicht nur methodisches Wissen, sondern vor allem Vertrauen und persönliche Kontakte aufbauten. Viele erfolgreiche Jugendaustauschprojekte lassen sich auf Begegnungen zurückführen, die bei solchen Trainings entstanden sind.
Publikationen und Wissenstransfer: Mehr als Bürokratie
Ein wenig sichtbarer, aber äußerst wertvoller Beitrag von SALTO EECA war die systematische Aufbereitung von Wissen. Das Ressourcezentrum veröffentlichte über die Jahre hinweg zahlreiche Materialien, die frei zugänglich waren und bis heute in Archiven zu finden sind. Dazu gehörten detaillierte Länderprofile, die nicht nur politische und wirtschaftliche Basisinformationen lieferten, sondern auch die Struktur der Jugendarbeit, relevante Organisationen und mögliche Fallstricke bei der Projektdurchführung beschrieben.
Methodische Handbücher griffen spezifische Themen auf: etwa den Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten in Projekten, die Einbeziehung benachteiligter Jugendlicher oder die Besonderheiten des Jugendaustauschs in post-sowjetischen Gesellschaften. Diese Materialien entstanden meist in Ko-Autorschaft mit Praktikerinnen und Praktikern aus den Partnerländern – ein qualitativer Unterschied zu rein theoretischen Ratgebern.
Für Organisationen, die heute Jugendaustausch mit der Ukraine planen und Partner finden möchten, sind viele dieser älteren Materialien noch immer als Orientierung nützlich, auch wenn sich die programmtechnischen Rahmenbedingungen seitdem verändert haben. Das grundlegende Wissen über Partnerschaftsdynamiken, Kommunikationsherausforderungen und Projektdesign hat seinen Wert behalten.
SALTO EECA im Kontext des europäischen Jugendpolitikdiskurses
Die Arbeit von SALTO EECA war nie rein operativ. Das Ressourcezentrum verstand sich auch als politischer Akteur, der die Interessen der EECA-Partnerländer in europäischen Debatten sichtbar machte. In Zeiten, in denen Jugendpolitik auf EU-Ebene überwiegend aus der Perspektive der Mitgliedsstaaten gedacht wurde, war diese Funktion alles andere als selbstverständlich.
Besonders relevant war dies bei Diskussionen über die Programmgestaltung. SALTO EECA trug dazu bei, dass Sonderregelungen für Partnerländer im Programm verankert wurden – etwa vereinfachte Antragsprocedere oder höhere Mobilitätszuschüsse für Reisende aus geographisch weit entfernten oder wirtschaftlich schwächer aufgestellten Ländern. Ohne diese Regelungen wären viele Projekte schlicht nicht finanzierbar gewesen.
Das Ressourcezentrum arbeitete außerdem eng mit dem Europarat zusammen, der eigene Jugendprogramme im EECA-Raum unterhält. Diese Zusammenarbeit vermied Doppelstrukturen und schuf Synergien, die den Partnerorganisationen vor Ort zugutekamen. Der Austausch zwischen EU-Strukturen und Europaratsprogrammen war nicht immer einfach zu koordinieren, funktionierte aber im EECA-Kontext vergleichsweise gut – auch dank der Brückenfunktion, die SALTO EECA einnahm.
Das Erbe von SALTO EECA: Was bleibt?
Mit der schrittweisen Einführung von Erasmus+ ab 2014 veränderte sich auch die Landschaft der SALTO-Ressourcezentren. Einige Zentren wurden zusammengelegt, andere neu ausgerichtet. SALTO EECA als eigenständiges Ressourcezentrum existiert in seiner ursprünglichen Form nicht mehr – die Aufgaben wurden teils in die allgemeine Erasmus+-Infrastruktur integriert, teils auf andere Strukturen übertragen.
Was bleibt, ist ein beachtliches Erbe: Hunderte von Trainings mit Tausenden von Teilnehmenden, ein umfangreicher Bestand an Publikationen, ein gewachsenes Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen, das auch ohne institutionellen Rahmen weiterlebt, und – vielleicht am wichtigsten – eine Kultur des gegenseitigen Lernens zwischen EU-Ländern und den Gesellschaften im östlichen Europa und im Kaukasus.
Für die Ukraine hat diese Geschichte eine besondere Dimension erhalten. Als eines der wichtigsten EECA-Partnerländer hat die Ukraine durch die Zusammenarbeit im Rahmen von SALTO EECA jahrelang Kontakte, Kompetenzen und institutionelle Strukturen aufgebaut, die heute in der Jugendarbeit unverzichtbar sind. Mehr zu aktuellen Möglichkeiten des Jugendaustauschs mit der Ukraine und der Planung von Projekten findet sich in einem gesonderten Beitrag auf diesem Portal.
Abschließend lässt sich sagen: SALTO EECA war kein glamouröses Programm, über das Schlagzeilen gemacht wurden. Es war verlässliche, kontinuierliche Infrastrukturarbeit – und genau das macht seinen Wert aus. Institutionen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass Begegnungen stattfinden können, verdienen mehr Aufmerksamkeit als sie meist bekommen. Das Ressourcezentrum Jugend in Aktion Osteuropa hat diese Aufgabe mit Professionalität und Engagement erfüllt.