Die Anfänge: Europäische Jugendpolitik vor dem ersten eigenständigen Programm
Die Idee, junge Menschen durch grenzüberschreitende Begegnungen zu fördern, ist älter als die Europäische Union selbst. Schon im Rahmen des Europarats und bilateraler Abkommen – etwa des Deutsch-Französischen Jugendwerks, gegründet 1963 – erkannte man, dass persönliche Kontakte zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern nachhaltiger wirken als jede politische Erklärung. Die Europäischen Gemeinschaften griffen diesen Impuls auf und begannen, eigene Förderstrukturen zu entwickeln, zunächst fragmentiert und wenig systematisch.
Ein erster wichtiger Meilenstein war das Programm Jugend für Europa, das die Europäische Kommission 1988 ins Leben rief. Es zielte in erster Linie auf den Austausch von Jugendgruppen ab und legte damit den Grundstein für das, was später zu einer umfassenden europäischen Jugendförderarchitektur werden sollte. Die Teilnehmerzahlen waren zunächst bescheiden – einige tausend Jugendliche pro Jahr –, doch das Programm sendete ein deutliches politisches Signal: Jugend war kein nachgeordnetes Thema, sondern eine eigenständige Dimension der europäischen Integration.
Parallel entstand mit dem Europäischen Freiwilligendienst (EFD) ab 1996 ein weiterer Baustein. Junge Erwachsene konnten für mehrere Monate in einer gemeinnützigen Organisation eines anderen EU-Landes tätig sein – ein Format, das sowohl persönliche Reife als auch zivilgesellschaftliches Engagement förderte und das Profil der europäischen Jugendarbeit entscheidend schärfte.
Das Programm „Jugend" (2000–2006): Konsolidierung und Erweiterung
Mit dem Programmzeitraum 2000 bis 2006 fasste die Kommission bestehende Einzelmaßnahmen unter dem schlichten, aber programmatischen Namen Jugend zusammen. Das Programm gliederte sich in fünf Aktionen: Jugendbegegnungen, Europäischer Freiwilligendienst, Jugend-Initiativen, Gemeinsame Aktionen sowie Begleitmaßnahmen. Diese Struktur machte deutlich, dass Europa nicht nur Begegnungen finanzieren, sondern aktiv zur non-formalen Bildung beitragen wollte.
Besonders relevant war die Öffnung des Programms für Drittländer. Erstmals konnten systematisch Jugendliche aus Ländern des Euromediterranen Raums, aus Südosteuropa und aus den damaligen Kandidatenländern einbezogen werden. Diese geografische Ausweitung antizipierte gewissermaßen die EU-Erweiterung von 2004, bei der zehn neue Mitgliedstaaten – darunter Polen, Ungarn und die Tschechische Republik – der Union beitraten und das Programm schlagartig eine neue Relevanz erhielt.
Das Gesamtbudget für den Zeitraum 2000–2006 belief sich auf rund 520 Millionen Euro. Obwohl dieser Betrag im Vergleich zu anderen EU-Programmen gering erscheint, entfaltete er eine bemerkenswerte Hebelwirkung: Nationale Kofinanzierungen, ehrenamtliches Engagement und die Multiplikatoreffekte der geförderten Organisationen vervielfachten die tatsächliche Reichweite erheblich.
Jugend in Aktion (2007–2013): Ein Programm setzt Maßstäbe
Mit dem Beginn der neuen Finanzperiode 2007 folgte die wohl prägendste Phase in der Geschichte der EU-Jugendprogramme: Jugend in Aktion. Das Programm umfasste ein Budget von rund 885 Millionen Euro und erreichte in seinen sieben Jahren der Laufzeit Hunderttausende junger Menschen in ganz Europa und weit darüber hinaus. Die Struktur war in fünf Aktionen gegliedert, die von Jugendbegegnungen über den Europäischen Freiwilligendienst bis zu Projekten mit Jugendlichen aus Partnerländern auf der ganzen Welt reichten.
Was Jugend in Aktion von seinen Vorgängern unterschied, war nicht allein das höhere Budget, sondern die konsequente Ausrichtung an den Grundsätzen non-formalen Lernens. Das Programm erkannte explizit an, dass Kompetenzen, die außerhalb von Schule und Universität erworben werden – Teamfähigkeit, interkulturelle Kommunikation, Projektmanagement, demokratische Teilhabe –, für die persönliche Entwicklung und den Arbeitsmarkt gleichermaßen wertvoll sind. Youthpass, ein Instrument zur Dokumentation non-formal erworbener Kompetenzen, wurde unter Jugend in Aktion eingeführt und ist bis heute ein zentrales Element der europäischen Jugendarbeit.
„Jugend in Aktion war mehr als ein Förderprogramm. Es war ein Bekenntnis der Europäischen Union zu einer Jugend, die nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Gestalterin Europas sein sollte."
Die geografische Reichweite von Jugend in Aktion war beeindruckend. Neben den 27 EU-Mitgliedstaaten nahmen Länder des Europäischen Wirtschaftsraums (Norwegen, Island, Liechtenstein) sowie EU-Kandidatenländer und sogenannte Partnerländer aus aller Welt teil. Für Organisationen und Einrichtungen, die mit jungen Menschen arbeiteten, war das Programm oft ein entscheidender Katalysator: Es finanzierte nicht nur Projekte, sondern baute Kapazitäten auf, vernetzte Akteurinnen und Akteure und etablierte Qualitätsstandards in der europäischen Jugendarbeit. Einen wichtigen Beitrag zu diesem Netzwerkaufbau leisteten dabei spezialisierte Ressourcenzentren – mehr dazu im Beitrag SALTO EECA: Was das Ressourcezentrum geleistet hat.
Die Schlüsselelemente von Jugend in Aktion im Überblick
Um die Leistungen des Programms greifbar zu machen, lohnt ein Blick auf seine wichtigsten strukturellen Merkmale:
- Aktion 1 – Jugend für Europa: Multilaterale und bilaterale Jugendbegegnungen, bei denen Gruppen aus mindestens zwei Ländern gemeinsam an einem Thema arbeiteten.
- Aktion 2 – Europäischer Freiwilligendienst: Freiwilligeneinsätze von 2 bis 12 Monaten in gemeinnützigen Organisationen im Ausland, mit voller Kostenübernahme für Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld.
- Aktion 3 – Jugend in der Welt: Kooperationsprojekte mit Jugendlichen aus Partnerländern außerhalb der EU, etwa aus Nordafrika, Lateinamerika oder Asien.
- Aktion 4 – Systeme zur Jugendunterstützung: Ausbildung und Vernetzung von Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern, Seminare, Studienbesuche und Youthpass-Nutzung.
- Aktion 5 – Unterstützung für die europäische Zusammenarbeit im Jugendbereich: Förderung des strukturierten Dialogs zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträgern.
Diese Fünfteilung ermöglichte eine breite Abdeckung unterschiedlicher Zielgruppen und Projektformate. Gleichzeitig schuf sie Übersichtlichkeit für antragstellende Organisationen, die häufig mit begrenzten administrativen Kapazitäten arbeiteten.
Der Übergang zu Erasmus+ (ab 2014): Integration und neue Ambition
Mit dem Start der EU-Förderperiode 2014–2020 vollzog sich eine Zäsur in der Geschichte der EU-Jugendprogramme: Jugend in Aktion wurde nicht verlängert, sondern in das neue Programm Erasmus+ integriert. Erasmus+ bündelts alle europäischen Programme in den Bereichen Bildung, Ausbildung, Jugend und Sport unter einem gemeinsamen Dach – darunter das bisherige Erasmus-Programm für Hochschulen, das Berufsbildungsprogramm Leonardo da Vinci sowie das Schulprogramm Comenius. Das Budget von Erasmus+ für 2014–2020 belief sich auf rund 14,7 Milliarden Euro, wovon ein signifikanter Anteil dem Jugendbereich zufloss.
Die Zusammenlegung hatte Vor- und Nachteile. Befürworterinnen hoben hervor, dass die Integration eine stärkere Sichtbarkeit der Jugendarbeit innerhalb eines etablierten Programmrahmens ermögliche und Synergien zwischen formaler und non-formaler Bildung fördere. Kritikerinnen und Kritiker – insbesondere aus der Jugendarbeit – bemängelten hingegen, dass die spezifischen Ansätze und Qualitäten non-formaler Jugendarbeit in einem so breiten Programm zu wenig Profil erhalten könnten.
Tatsächlich blieb die Grundstruktur der Jugendmaßnahmen innerhalb von Erasmus+ erkennbar: Jugendbegegnungen (nun unter Leitaktion 1), transnationale Jugendprojekte (Leitaktion 2) und der Europäische Freiwilligendienst – später umbenannt in Europäisches Solidaritätskorps, das 2018 als eigenständige Initiative ausgegliedert wurde – behielten ihre inhaltliche Logik. Youthpass wurde weiterentwickelt und bleibt ein zentrales Qualitätssicherungsinstrument. Wer heute Mittel für konkrete Austauschprojekte beantragen möchte, findet eine detaillierte Orientierung im Beitrag Erasmus+ Jugend: Fördermittel für Jugendbegegnungen beantragen.
Erasmus+ 2021–2027: Mehr Budget, neue Prioritäten
Die aktuelle Programmgeneration von Erasmus+ (2021–2027) steht unter dem Zeichen eines deutlich aufgestockten Budgets von rund 26,2 Milliarden Euro – nahezu eine Verdoppelung gegenüber der Vorperiode. Diese Steigerung reflektiert den gestiegenen politischen Stellenwert von Bildung und Jugend in der europäischen Agenda, nicht zuletzt im Kontext der COVID-19-Pandemie, die die Notwendigkeit resilienter, vernetzter Gesellschaften schmerzhaft vor Augen geführt hatte.
Inhaltlich setzt die aktuelle Programmgeneration auf drei Querschnittsprioritäten: Inklusion und Vielfalt, Digitale Transformation sowie Umwelt und Bekämpfung des Klimawandels. Für den Jugendbereich bedeutet das konkret: Projekte, die sich mit Klimagerechtigkeit, digitalem Aktivismus oder der Teilhabe von Jugendlichen mit geringeren Chancen befassen, erhalten besonderen Rückenwind. Die Nationalen Agenturen – in Deutschland etwa Jugend für Europa, in Österreich die Nationalagentur im Bildungsministerium – setzen diese Prioritäten in nationale Förderaufrufe um.
Ein strukturelles Novum der aktuellen Periode ist die stärkere Betonung von Kleinprojekten, die es auch Gruppen ohne formalen Organisationsstatus erlaubt, im Rahmen sogenannter Kleinprojekteförderung aktiv zu werden. Damit reagiert das Programm auf eine langjährige Forderung der Graswurzel-Jugendarbeit: Bürokratiehürden abzubauen und auch informelle Jugendgruppen zu erreichen.
Eine Programmlinie, viele Generationen: Bilanz und Ausblick
Blickt man auf die rund vier Jahrzehnte zurück, in denen die Europäische Union systematisch in Jugendaustausch und non-formale Bildung investiert, lässt sich eine bemerkenswerte Kontinuität beobachten. Die Grundüberzeugung – dass persönliche Begegnungen, gemeinsames Handeln und interkulturelle Erfahrungen einen eigenen, nicht ersetzbaren Bildungswert haben – hat sich durch alle Programmgenerationen gehalten. Was sich veränderte, sind Umfang, Budget, institutionelle Einbettung und thematische Schwerpunkte.
Die Zahlen sprechen für sich: Allein zwischen 2014 und 2020 förderte Erasmus+ über 125.000 Jugend-Organisationen und erreichte Millionen junger Menschen. Hinzu kommen die Ergebnisse aus den Vorgängerprogrammen, sodass insgesamt mehrere Generationen junger Europäerinnen und Europäer von diesen Maßnahmen profitiert haben. Langzeitstudien zeigen, dass Teilnehmende an EU-Jugendprogrammen häufiger ehrenamtlich aktiv sind, sich stärker mit Europa identifizieren und eine höhere interkulturelle Kompetenz aufweisen als Nicht-Teilnehmende.
Die Geschichte der EU-Jugendprogramme ist damit auch eine Geschichte des wachsenden europäischen Selbstverständnisses: Jugend nicht als Problem, das verwaltet werden muss, sondern als Ressource, die gefördert und gehört werden will. Dieser Perspektivwechsel – von der Fürsorge zur Partnerschaft – ist vielleicht der bedeutendste Wandel in der Geschichte dieser Programmfamilie.